Ana Vujanović (Belgrad)

Ana Vujanović geb. 1975 in Belgrad, promovierte in Theaterwissenschaften und ist tätig als freischaffende Theoretikerin, Organisatorin, Redakteurin, Lektorin und Dramaturgin in den Bereichen darstellende Kunst und Kultur. Sie ist Mitglied der TkH Plattform in Belgrad.

 

>> laufende Ausstellung 23.09. - 15.10.2006

 

>> Lectures/ Presentations/ Panel

Sonntag, 24.9., 12 - 19 Uhr

Moderation: Marina Gržinić (Wien /Ljubljana)

15:00 -16:30  Performance/ Lecture

„Re- Delegating, archiving performances on- the- edge- of- the- void“

Ana Vujanović/ Marta Popivoda/ Bojana Cvejić (Belgrad)

Über die Grenzen aktueller Performancekunst - Vorschläge von nicht existenten und vermutlich nicht realisierbaren Performances von neun geladenen KünstlerInnen

 

>> Beitrag in MALMOE 34:

Der Kunstraum ist unschuldig! – oder so

Ana Vujanović im Gespräch mit Marta Popivoda

AV: Wenn ich das Thema „No Space is Innocent!“ in die Kunst übertrage, besteht meine grundsätzliche Fragestellung darin, wie künstlerische Tätigkeit (Arbeit, Produktion, Aktion) als politische Praxis im öffentlichen Raum der Gesellschaft funktionieren kann.

MP: Meiner Meinung nach ist der erste Schritt, um in der Gesellschaft zu wirken bzw. auf diese einzuwirken, der Schritt aus dem Kunstraum heraus, d.h. aus jener Umgebung, die rein der Kunst gewidmet ist.

AV: Über das denke ich auch nach … aber für mich ist es eher eine Frage - stimmt das so? Wann und wie auch immer ich an die Geste denke, den Kunstraum zu verlassen und in den offenen Raum von Kultur und Gesellschaft zu gehen, stelle ich mir die Frage: Warum würden wir uns in dem Fall überhaupt noch mit Kunst beschäftigen? Warum sollten wir den Begriff der Kunst und ihre Merkmale beibehalten, wenn wir ihren traditionellen Raum verlassen haben? Warum werden wir nicht beginnen, uns mit gesellschaftlichem Aktivismus oder politischer Praxis zu beschäftigen, die beide als kultur- und gesellschaftsverändernde Praktiken etabliert sind?

MP: Ja, diese Frage stellt sich auch mir immer wieder. Ich glaube es ist nicht notwendig, den Begriff der Kunst und ihre Merkmale zu bewahren. Vielleicht ist der nächste Schritt, den Raum der Kunstwelt aufzulösen (in A. Dantes Sinn) und engagiert in anderen Bereichen mit aktivistischen Tendenzen zu arbeiten. …Aber verlieren wir dann das Handlungsvermögen der Kunst? Ich frage mich, ob es dann nicht unmöglich wird, dieses Vermögen zu aktivieren.

AV: Was ist dieses „Vermögen“?

MP: Es geht um die Fähigkeit, künstlerische Aktivität als soziale Praxis umzusetzen.

AV: Ich glaube nicht, dass das die Fähigkeit der Kunst ist, sondern eines ihrer konstitutiven Elemente. Kunst existiert nicht, ohne zugleich soziale Praxis zu sein, unabhängig davon, wie sie ihre Stellung und Funktion definiert. Ich folge hier den Gedanken von Althusser und jenen der slowenischen marxistischen Psychoanalytiker der 1970er. Die (Lacansche) Formel der „Extimität“ von Kunst in der Gesellschaft ist für mich noch immer ein entscheidender Schlüssel zu der Frage. Was mich momentan interessiert, ist die Unterscheidung zwischen sozialen und politischen Praktiken – nicht wie Kunst zu einer sozialen Praxis gemacht werden kann, sondern wie sie als soziale Praxis politisch aktiviert werden kann.

MP: Ich stimme gleichfalls mit Althusser überein und definiere Kunst als relativ autonome soziale Praxis… Aber ich dachte an eine ungesicherte soziale Praxis, die die Konsequenzen für ihr Verhalten trägt, und nicht nur an eine soziale Praxis, die leicht in den Markt integriert werden konnte und dadurch von vornherein jegliche Möglichkeit für eine kritische Transformation verloren hat … die sie in anderen Systemen sehr wohl hatte. Zumindest gab es widerständige Handlungen gegen die Kunst von seiten älterer Systeme.

AV: Ich glaube nicht, dass der Kunstraum aufgelöst werden sollte, sondern dass er in den öffentlichen Raum der Gesellschaft eindringen sollte, um diesen zu repolitisieren. Es stimmt, dass das System des neoliberalen Kapitalismus kritische Praktiken auf erstaunliche Art aufsaugt, und gerade deswegen müssen wir auf eine Repolitisierung pochen, damit es keinen Ort mehr gibt, der von der Aura der Unschuld umgeben wird. Das ist eine politische Angelegenheit, die sich auf die Medienwirksamkeit der Kunst als historische und sozial etablierte Praxis und Institution stützt.

MP: Für mich wäre eine radikale Repolitisierung des öffentlichen Raumes die Aufhebung, die totale Auslöschung des Kunstraumes sowie ein durchdachter Übergang in andere Praktiken. Kunst sieht sich heute als nicht-autonome Praxis inmitten der Gesellschaft und arbeitet ihr durchaus nicht unschuldig zu. Aber meiner Meinung nach ist das eigentliche Problem, dass die Kunstwelt als solche heutzutage ein unschuldiger Raum ist!

AV: Diese These ist ziemlich provokativ… trotzdem bringt sie uns zurück zum alten Paradigma von Kunst als transzendentalem Raum eines „Überbaus“, der über der sozialen Realität schwebt.

MP: Das stimmt nicht, da der Kontext ein anderer ist. Um es anders zu formulieren, meine These ist nicht die, dass Kunst über der gesellschaftlichen Realität schwebt, sondern dass das innerhalb der Kunstwelt entwickelte ökonomische System das gegenwärtige Modell des freien Marktes wiederholt, tatsächlich aber bloß seine reine Simulation darstellt.

AV: Und wo ist da die Unschuld? Es scheint mir, dass der Hauptfaktor des „Simulationismus“ künstlerischer Vorgehensweisen ihr konstruktiver Charakter ist. Ich denke hier an Paolo Virnos Thesen, an jene Vorgehensweisen, die für das künstlerische und kulturelle Geschehen der 1950er Jahre prägend waren und im Gegensatz zur fordistischen sozioökonomischen Realität standen. Es ist wichtig zu betonen, wie es auch Virno tut, dass die außergewöhnlichen kulturellen und künstlerischen Methoden dieser Zeit – beispielsweise die Priorität von Kommunikation zwischen Menschen – zu selbstverständlichen Methoden der post-fordistischen Ökonomie von heute wurden. In diesem Sinn verläuft die Frage der Politisierung von Kunst in zwei Richtungen: die eine hinterfragt die innere Struktur des Kunstraumes (auch bedenkend seine Folgewirkungen in anderen sozialen Feldern), während sich die andere um ausgeschlossene Bestandteile dreht, mit anderen Worten, um die Außengrenzen des Kunstraumes (auch bedenkend die eigentliche Strukturierung des gesellschaftlichen Raumes, von dem einige Praktiken nie in die Kunstwelt vorgelassen werden).

MP: Da stimme ich überein… es gibt keine Unschuld in der Kunstwelt, aber ich meinte das in Bezug auf die Verantwortung der Kunstschaffenden für eine Untätigkeit. Sie leisten auch keinerlei Widerstand gegen die Profitlogik und begreifen ihre Arbeit als Teil des Kunstmarktes, der nicht einmal vollen ökonomischen Einfluss besitzt. Dies ist auch der Grundgedanke unserer Arbeit (Re-delegating) für die Ausstellung No Space is Innocent! – der Schwerpunkt liegt darin, den leer gewordenen Kunstraum von seinen Außengrenzen her zu untersuchen, die voll von Elementen sind, die sich alle vom Markt absetzen. Es geht jedoch nicht um die Frage, ob dieses Absetzen möglich ist, sondern das Entscheidende ist, die Grenzen zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit aufzuzeichnen.

Ana Vujanović, Marta Popivoda

Übersetzung aus dem Englischen: Walter Seidl



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Diagramm Ana Vujanović und Team
Ana Vujanovic, Marta Popivoda, Bojana Cvejic, Re-Delegating, archiving performances on-the-edge-of-the void