bankleer (Berlin)

Die Künstlergruppe, die seit 1998 unter dem Namen bankleer arbeitet, erzeugt mit Performances, dokufiktionalen Videos und Techniken des "expanded cinema" bühnenhafte Installationen zu medien- oder ökonomiekritischen Themen. Ihr Schaffen steht in der Tradition einer aktivistischen institutionskritischen Netzwerkarbeit der 90er Jahre - einer Tradition der kollektiven, projektorientierten Form der Selbstorganisation. Videoaktivismus verwebt sich bei ihnen mit Kunstaktion ebenso wie die Nutzung von öffentlichem Raum mit Aktionen und Ausstellungen im geschlossenen White Cube der Kunstinstitutionen. www.bankleer.org

 

>> Performance:  „Sad Block Brass Band"

Samstag, 23.9., ab 11 Uhr

Treffpunkt: Hauptplatz beim Brunnen

4 Stunden Trauermarschumzug durch die Grazer Innenstadt

Finale: ca. 15 Uhr, Forum Stadtpark

Am Eröffnungstag zieht ein Trauermarsch, begleitet von einer professionellen Blasmusikkapelle durch die Grazer Innenstadt. Der Trauermarsch hält auf seiner Route an Plätzen und Institutionen inne, die für das Scheitern einer Utopie stehen und an Orten, an denen gegenwärtig Ausschluss produziert wird. Ein Routenplan mit Informationen zu den einzelnen Stationen wird in lokalen Medien angekündigt und während des Umzuges an PassantInnen verteilt.

 

>> laufende Ausstellung 23.09. - 15.10.2006

 

>> Lectures/ Presentations/ Panel

Sonntag, 24.9., 12 - 19 Uhr

Moderation: Marina Gržinić (Wien /Ljubljana)

17:45 -19:00 Panel

NO SPACE IS INNOCENT!

bankleer (Berlin), Michal Blum (Wien), Ursula Mayer (London/ Wien), Artists Without Walls (Israel/ Palestina)

KünstlerInnen der Ausstellung diskutieren ausgehend von ihren Arbeiten darüber, ob es noch Orte gibt, die von der Aura der Unschuld umgeben werden.

 

>> Beitrag in MALMOE 34:

Reale Reste

DER SCHRECKEN DER ERSTEN ZOMBIEFILME, die sich durchgehend auf den „Voodoo-Kult“ beziehen, unterscheidet sich von den traditionellen Horrorgestalten wie Hexen, Vampire und Werwölfe dadurch, dass sie Ausdruck eines Kollektivs sind. Zombies treten immer in Gruppen auf, und jeder ist in Gefahr selbst zum Zombie zu werden. Grundlegendes Horrorszenarium ist das Auftauchen der Zombiefizierten in den westlichen Gesellschaften: Die Rückkehr nicht funktionaler Barbarei, eingeschleppt durch afrikanische Sklaven. Die koloniale Sklavenökonomie wird in den meisten Zombiefilmen nur selten direkt thematisiert, ist aber immer als Hintergrund bei der Mythenbildung präsent.

ZUR VERBREITUNG DES ZOMBIE- MYTHOS hat der 1929 erschienene autobiografische Haiti-Reisebericht „The Magic Island“ von William Seabrock beigetragen. Er tauchte zur Endphase der amerikanischen Besatzung Haitis auf und war Filmvorlage für White Zombie (1932, Regie: Victor Halprin), dem ersten Zombiefilm des amerikanischen Kinos. Der Erfolg in der Anfangszeit dieses Genres ist eng verbunden mit dem exotischen, kulturellen Ambiente der Karibik. Tropische Inseln, Dschungel und die als vorzivilisatorisch empfundenen rätselhaften Kulthandlungen des Voodoo sorgen in den nordamerikanischen und europäischen Kinos für Suspense. Eine überwunden geglaubte, magisch-religiöse Kultur mit Tanzritualen, dämonischen Kräften, Menschenopfern und schwarzem Wissen. Dieser Zombie-Horror berührt all die Ängste, die sich durch aufgeklärtes und rational westliches Denken verdrängen, aber nicht aus der Welt schaffen lassen und öffnet unerwartet einen fantastischen, irrationalen und unkontrollierbaren Raum. In „White Zombie“ werden die Zombies als Arbeitssklaven aus dem Jenseits von einem weißen kolonialen Ausbeuter in endloser Plagerei gefangen gehalten - sie berühren die damaligen amerikanischen Ängste: Das Land befand sich in einer schweren wirtschaftlichen Depression mit einer Arbeitslosenrate von fast 25%. Die Zombies erschienen als bestürzende Höllenvision und ironische Umkehrung der amerikanischen Hoffnung auf einen Job.

DER ZOMBIE - EINE LEERE KÖRPERHÜLLE, die sich wie ein Automat verhält und allen menschlichen Appellen unzugänglich ist - eignet sich hervorragend als Träger eines kollektiven Schreckens. Als monströse Erscheinung ist der Zombie einer der jungen Vertreter des fiktiven Horrors, Spiegelfläche kollektiver Fantasien und Ängste. Sein roher Kadaver kann nach Belieben mit Erscheinungen des Monströsen besetzt werden. Ob als Verkörperung des nuklearen Supergaus, Science-Fiction-Horror, Bio-Waffe, zum Objekt reduzierte ArbeiterInnen oder das Ausgeschlossene im Gesellschaftsgefüge - der Zombie ist immer um ein leeres Zentrum organisiert. Es fehlt ihm die Seele/ Agalma, das Innerste seines Seins, und er ist außerstande, diese Leerstelle ohne Zugang zu füllen. Angetrieben von der blinden Instanz eines endlosen Triebes wird er zum Monster, das durch keine menschlichen Gesetze mehr gebunden ist. Der Zombie ist der unintegrierbare, unsterbliche Rest, eine perfekte Projektionsfläche für die Wiederkehr des Verdrängten.

MIT DEM AUFTAUCHEN DES ZOMBIE ÖFFNET SICH DER UNHEIMLICHE BEREICH DER UNTOTEN. Hier haben wir es mit einer Zone „zwischen den zwei Toden“ zu tun, der Zone zwischen dem symbolischen und dem realen Tod: „Der äußerste Gegensatz des Grauens ist diese plötzliche Erscheinung eines Lebens jenseits des Todes ...“1 In dieser alptraumhaften Zwischenzone lösen sich reale Bedeutungszusammenhänge auf und neue entstehen, Räume teilen und Grenzen verschieben sich. Fragmente des Realen mischen sich mit denen der Illusion, und neue Fiktionen gehen daraus hervor. Laut Lacan ist das Durchschreiten und Sichvertrautmachen mit dieser Zone ein wesentlicher Schritt zur Subjektwerdung und ermöglicht eine grundsätzliche Neugestaltung von Erfahrungen. Als „Wiedergänger“ aus dieser Zone schleppt der Zombie einen Virus, neue Bedeutungen, Fragmente, etc. in die Realität ein, die wiederum direkte Interventionen in der Wirklichkeit auslösen, mit denen wir uns dann konfrontieren müssen. Die westlich-kapitalistische Politik unternimmt größte Anstrengungen, um jegliche Berührung mit diesem Zwischenbereich zu vermeiden, ihn durch Idealisierung zu verdecken oder dem hemmungslosen globalen Kapitalismus zuzuführen. Da der Hauptmotor aller politischen Ökonomie die Illusion der Unendlichkeit des Wachstums ist, besteht die Obsession der politischen und ökonomischen Anstrengungen darin, dieses Phantasma mit allen Mitteln aufrechtzuhalten. Das reibungslose Funktionieren dieser Illusion setzt der Tod - als Signifikant der schmutzigen/undemokratischen Unterseite der Produktion - außer Kraft. Er ist die absolute Negation der unendlichen Akkumulation. In der heutigen ‚PostPolitik’ - in der statt öffentlicher Debatten und Politisierung ideologiefreie Ideen, die im globalkapitalistischen Rahmen funktionieren, gefragt sind – geht es sogar um den kompletten Ausschluss solcher „Wiedergänger des Verdrängten“. Echte Politik ist nach Jacques Rancière genau das Gegenteil davon, nämlich das Ausgeschlossensein zu politisieren: „Diese Identifikation des Nicht-Teils mit dem Ganzen, des Teils der Gesellschaft, der keinen genau festgelegten Platz darin besitzt, mit dem Allgemeinen, ist die elementare Geste der Politisierung“ (2)

WENN ABER DIE AUSGESCHLOSSENEN, jene ohne festen Platz in der Gesellschaft, tatsächlich ausgeschlossen bleiben, dann kehrt laut Zizek /Lacan „das Politische in Gestalt neuer nicht-funktionaler Grausamkeiten ins Reale zurück“. (3) Zizek spricht hier vom gesellschaftlichen Auswurf einer „geisterhaften substanzlosen Erscheinung auf einem Interface und dem rohen Körper- Überbleibsel des Realen“. (4) Dieses Wiederkehren im Realen mit exzessiven, nicht „funktionalen Gewaltausbrüchen“ ist Teil der sozialen Bedingung des Kapitalismus und zeigt sein sonst verdecktes, wahres Gesicht.

AKTUELLE BEISPIELE DAFÜR SIND MIGRANTINNEN, die unter lebensgefährlichen Bedingungen versuchen, Europa zu erreichen, entrechtete ArbeiterInnen in wirtschaftlichen Sonderzonen außerhalb des staatlichen Zugriffs, Gefangene in Abu Ghraib und Guantanamo, die in einer Zone zwischen den Gesetzen festgehalten werden - oder ausrastende Jugendliche aus der Mittelschicht. Ein Beispiel: „Die Polizei hat das Rätsel um den im so genannten „Frühlinger Hölzl“ bei Traunreut gefundenen Toten gelöst. Es war kein Mord, sondern eine Leichenschändung von unglaublich brutaler Art: Eine Gruppe von zehn Jugendlichen hatte in dem Waldstück die Walpurgisnacht gefeiert und dabei die Leiche eines Selbstmörders entdeckt. Als sie zu fortgeschrittener Stunde erheblich alkoholisiert waren, zerrten sie den Toten aus dem Dickicht, banden ihn an einen Baum und schlugen mit einer Eisenstange und anderen Gegenständen auf den Leichnam ein.“ (Traunreut 01.05.2006 Passauer Neue Presse)

Unser Projekt REALE RESTE besetzt den Zombie als „Wiedergänger des Verdrängten“. Er führt uns durch das Phantasma eines funktionierenden globalen Kapitalismus und macht uns mit seiner exzsessiven /schmutzigen Unterseite vertraut. Gedreht wurde in der urbanen Trümmer– und Abfallarchitektur eines verfallenen Hauses mitten in Halle, in einer zum Abriss bereit stehenden Plattenbausiedlung und in einem tropischen Freizeitressort, das in eine riesige Spekulationsruine eingezogen ist.

bankleer (Karin Kasböck, Christoph Leitner)

1) Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, 2001, S.211

2) Slavoj Zizek, Die Puppe und der Zwerg, 2003, S.71

3) Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts, 2001, S.221

4) Slavoj Zizek, ebd., S.212

Literatur:

bankleer, reale reste (Berlin, 2005)

Jacques Rancière, Das Unvernehmen (Paris, 1995)

Jamie Russell, Book of the Dead (Godalming, England, 2004)

Slavoj Zizek, Die politische Suspension des Ethischen (Frankfurt am Main, 2005)

Slavoj Zizek, Die Puppe und der Zwerg (Frankfurt am Main, 2003)

Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts (Frankfurt am Main, 2001)