Christoph Fringeli (Basel/CH)

Christoph Fringeli, der Schweizer aus Basel mit zwischenzeitlichem Wohnsitz in London, Berlin und/oder Paris ist wohl eine der interessantesten Persönlichkeiten im Bereich Breakcore/Hardcore in der elektronischen Musikszene weltweit. Mit seinem Label Praxis setzt er seit 1991 Maßstäbe und hat auch vor allem durch seine politische Tätigkeit und dementsprechend auch durch Veröffentlichungen in zB dem von ihm herausgegebenen Magazin DATACIDE viele andere KünstlerInnen beeinflusst. Er ist nicht nur Manager mehrerer Labels, sondern auch hervorragender DJ und Organisator eines eigenen, weltweiten Vertriebes für Schallplatten und CDs aus dem Breakcore-Underground. DJ gigs weltweit und auch die zahlreiche Veröffentlichung seiner eigenen Tracks, sind weitere Markenzeichen seines Schaffens.

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hier die ungekürzte Fassung des Textes:

Repetitive Beats und unkontrollierte Räume

Freie Festivals mit elektronischer Tanzmusik in abgelegenen Waldlichtungen und illegale Parties in besetzten Fabrikhallen. Ein fragmentarisches Streiflicht auf eine ungeschriebene Geschichte:

1992

„Castlemorton“ – ein Ort in der friedlichen englischen Landschaft - steht für einen kulturellen Wendepunkt im damaligen konservativen Grossbritannien. Zwei Subkulturen trafen damals zusammen: Einerseits feierten Hippies und Travellers seit den Siebzigerjahren ihre angestammten freien Festivals in der Landschaft, anderseits hatte es seit dem Acid House Boom von 1987/88 in den Städten immer mehr illegale Parties gegeben, teilweise von recht enormen Ausmassen mit bis zu 10'000 Besuchern. Dies war von durchaus Thatcher-kompatiblen Entrepreneurs zu einer Schattenwirtschaft entwickelt worden, die mit mindestens einem Bein in der Illegalität stand. Riesige Raves wurden organisiert mit oft inflationären Eintrittspreisen und ebenso teures wie starkes Ecstasy war überall zu haben. Gigantische DJ-Line-Ups und noch übertriebenere Versprechen, was das Dezibelvermögen der Anlagen betraf machten den Wettstreit zwischen verschiedenen Organisatoren zu einem immer grössenwahnsinnigeren und teurerem Abenteuer. Und immer öfter wurde daraus gar nichts, oder eine verregnete buchstäbliche Schlammschlacht, ein Fun-Stahlbad halt, das einen nach Alternativen ausschauen liess. Hier kamen weitere subkulturelle Elemente in’s Spiel, der Do-It-Yourself-Ethos der Anarcho-Punks und die Sound System Kultur des Reggae.

Diese erstaunliche Kombination kristallisierte sich in einer Weise, dass Gruppen von Leuten, oft Hausbesetzer oder Travellers (damals bis zu 60'000 Menschen, die ohne festen Wohnsitz in Bussen und Lastwagen London umkreisten), sich zusammentaten, sich Soundanlagen anschafften und mit diesen gratis oder sehr billig Parties organisierten und in den englischen Ghettos abfeierten. Castlemorton nun wurde dadurch zum Wendepunkt, dass eine Strategie, die einige wenige Sound Systems seit ein paar Monaten verfolgt hatten, nämlich den neuen elektronischen Sound an die traditionellen Hippie-Festivals zu koppeln zur Explosion kam: Gerade dadurch, dass die Polizei ein Festival verhinderte und den Verkehr der zahlreich anreisenden umleitete (in Richtung eines andern Festivals!) geschah es, dass sich zwei dutzend Sound Systems und 40'000 Leute versammelten. Das führte zu einem empörten Aufschrei der Boulevardpresse, die schon zu Acid House Zeiten nicht mit Gehässigkeiten sparte („Abschaum“), zu einem mehrjährigen legalen Nachspiel, bei dem das Sound System ‚Spiral Tribe’ die Verantwortung zugeschoben wurde (zwei Jahre und mehrere Millionen Pfund Gerichtskosten später wurden alle freigesprochen), und transformierte sich zu einer Art Legende. Zum Teil floss die Erfahrung in die Gesetzgebung in Form des 1994 Criminal Justice and Public Order Act ein, der gerade auch solchen Festivals einen Riegel vorschieben sollte.

Plato tanzt den Charleston nicht

Die CJA formuliert tatsächlich bis heute in Grossbritannien gesetzlich wirksame musikalische Kriterien, die es illegal machen, unter freiem Himmel ohne spezielle Genehmigung Musik für mehr als 100 Personen zu spielen, die sich durch „eine Abfolge repetitiver Rhythmen auszeichnet“, und schon Versammlungen von ab 10 Leuten, die „auf einen Rave warten“ auflösbar machen. Diese scheinen eine gewisse Gefahr in sich zu bergen, die Gefahr, Triebe zur Unordnung zu wecken und teilweise zu befriedigen, zudem in einem Zusammenhang, der der Verwertungslogik des Kapitals immerhin soweit entzogen war, wie das zu dem Zeitpunkt möglich war.

Schon Plato prangerte im „Staat“ Tonarten, „die sich für Gelage eignen“ an. Die Katholische Kirche verbannte gewisse Akkorde in den Realm des Satanischen, und damit in die Illegalität. Und näher bei der Gegenwart zeugt die Unterdrückung von „Charleston-Raves“ im Australien der 20er von der (scheinbaren?) Gefährlichkeit von Rhythmen und Frequenzen, die, mit dem Körper im Bunde, entweder Tugend, Gott, oder Staat und Kapital vergessen machen – und deshalb verfolgt oder domestiziert (heute: kommerzialisiert) gehören.

In der Regel genügen die Marktmechanismen der Kulturindustrie für diese Arbeit. Die Art und Weise wie diese gerade auch in der Musik strukturiert sind, wie praktisch alles entweder durch den Markt selbst, oder durch staatliche Subvention „reguliert“ wird - das bedeutet: zur Reklame oder zur demokratischen Hofkunst verkommt, stellt sicher, dass, was nicht konformiert, mit ökonomsicher Ohnmacht geschlagen wird.

1994 Criminal Justice Act

Die Gesetzesvorlage war eine geballte Sammlung von Artikeln, die sich fast systematisch gegen die schon Ausgegrenzten der Post-Thatcher-Gesellschaft wendete: Eine Mischung von Vorlagen gegen Hausbesetzer, Travellers, Ravers, Jagd-Saboteure, kräftig gewürzt mit Anti-Terror Elementen, die es einfacher machten, Menschen DNA-Proben abzunehmen oder sie sonst auf der Strasse anzuhalten und zu durchsuchen. Ursprünglich war auch eine Provision zur Abschaffung des Rechts auf Aussageverweigerung darin enthalten, einer der wenigen Artikel, die nicht zum Gesetz wurde.

Die Kampagne gegen die neue Criminal Justice Bill (später, nachdem Gesetz geworden: Act) war ein Kristallisations- und Scheidepunkt von Politisierung (oder eben nicht) der Raver, auch wenn das nicht heisst, dass eine einfach definierbare Bewegung daraus wurde, sondern eher ein heterogenes Gebräu, das in verschiedene Richtungen floss, aber immerhin. Gemeinsamer Nenner war ein vager Anarchismus, der bestenfalls von dem damals sehr populären „T.A.Z.“ (Temporary Autonomous Zone) von Hakim Bey inspiriert war, einem praktisch konstanten Instrumentalisierungsversuch der trotzkistischen Socialist Workers Party ausgesetzt war (die SWP versucht sich allen basisorientierten Bewegungen, die sie in Britannien als „progressiv“ wahrnimmt, überzustülpen, zuletzt – natürlich! – der Anti-Irak-Krieg Bewegung), und einer kleinen, sich linkskommunistisch oder postsituationistisch verstehenden Szene, die im Gegensatz zur SWP auch wirklich einen direkten Bezug zur illegalen Partyszene hatte und mit Flugblättern und Fanzines zu intervenieren suchte. Weiter verbreitet war jedoch eine friedliebend-psychedelische Raver-Hippie-Szene, was zu gewissen Spannungen führte, als ein Flugblatt unter dem Titel „Keep it Fluffy!“ dazu aufrief, gewalttätige Demonstranten mit Farbe zu markieren, sie also zur Festnahme durch die Polizei freizugeben, worauf die damals auch noch starke anarchistische Class War Organisation mit einer „Keep it Spiky“ Kampagne antwortete.

Trotz der Ernsthaftigkeit der Vorlagen gab es kaum Presse zur Gesetzesvorlage, und schon gar keine dagegen. Im Hinblick auf anstehende Wahlen wollte sich auch die Labour Party kauf keinen Fall mit Linksradikalen blicken lassen oder „soft on crime“ erscheinen. Unter diesen Voraussetzungen waren die Mobilisierungen zum Scheitern verurteilt, wenn sie auch zu überraschen grossen Demos mit fünfstelligen Teilnehmerzahlen führten, wobei sie allerdings in der Presse kaum erwähnt wurden, wenn sich nicht auch noch Strassenschlachten und Plünderungen abspielten.

Exodus nach Frankreich: Teknivals

Nachdem es praktisch unmöglich geworden war, in England noch Festivals zu veranstalten oder besuchen, fand ein Exodus einiger Sound Systems, allen voran Spiral Tribe, zunächst nach Frankreich statt, in den nächsten Jahren verbreiteten sich Teknivals – wie sie nun genannt wurden – auch über (hauptsächlich) Italien, Holland und die Tschechei. Ein gewisses Ueberraschungsmoment erlaubte es hier, in entlegenen Winkeln, wie Steinbrüchen in der Bretagne oder den Bergen des Massive Centrale an einer neuen Aesthetik des Widerstands zu feilen. Das alte Hippie-Element, das in auf den Britischen Inseln noch sehr wichtig war, existierte hier kaum, ebensowenig gab es eine selbstständige Geschichte der House-music; was die englischen Sound Systems aber mitbrachten, fiel einerseits auf fruchbaren Boden, wurde anderseits fast sofort musikalisch radikalisiert und weiterentwickelt. Diese Free-Party-Bewegung wurde auch hier zur Lawine und zu einem angeblichen Problem der inneren Sicherheit – und zu einer Gelegenheit rechtsgerichteter Politiker, sich als Hüter derselben zu profilieren.

Nach mehreren Anläufen brachte schliesslich Innenminister Sarkozy eine Vorlage durch, die entsprechen dem CJA – und fast 10 Jahre später – die anarchischen Vorgänge in der französischen Landschaft verhindern sollten.

Hier zeigten sich sich deutliche Unterschiede zum Widerstand in England. Einerseits waren die Mobilisierungen deutlich kleiner und weniger militant, anderseits versuchten sich gewisse Plattenfirmen und Organisationen zu Sprechern der „Bewegung“ zu machen, und es gelang einen „Kompromiss“ herauszuarbeiten, als deren Resultat es anfang Mai 2003 erstmals ein staatlich sanktioniertes Teknival (ironisch von vielen „Sarkoval“ genannt) in Frankreich gab, welches mit 40'000 Besuchern regen Zuspruch fand. Ein Hinweis darauf, dass die interne Kommerzialisierung der Szene schon soweit fortgeschritten war, dass manche schön folgsam die Hand des Staates ergriffen... Zweieinhalb Monate später sollte sich zeigen, was einem droht, wenn man dies nicht tut. 

2003

Am Freitag, dem 18. Juli 2003 starteten die ersten Lastwagen, um wieder ein freies Teknival, diesmal in der Bretagne, zu feiern. Unabhängige Sound Systems waren aufgerufen, und es gab das Gerücht, das sich als falsch herausstellen sollte, dass eine Gemeinde sich bereiterklärt hätte, das Geschehen auf ihrem Boden zuzulassen. Tausende suchten nun nach einem geeigneten Ort, es ergab sich ein Katz-und-Maus-Spiel, denn statt einem ‚Welcome’ fanden die Ravers die geballte Staatsmacht vor – insgesamt 1'000 Polizisten waren mobilisiert, dem Treiben ein Ende zu setzen.

Schliesslich war ein entlegener Ort gefunden und die einzige Zufahrtstrasse wurde durch eine Sitzblockade von den Ravers geschützt. Die Polizeieinheiten fingen bald an, Tränengas wie auch Granaten, die durch laute Explosion und Leuchtkraft die Menge kontrollieren sollen, auf die meist Jugendlichen zu feuern. Insgesamt 70 solcher Granaten regneten auf sie herab, mit dem Resultat, dass jemandem die Hand abgerissen wurden, und ein anderer, dem die Granate auf dem Brustbein explodierte, schwer verletzt wurde, weitere Dutzende wurden leicht verletzt. Im Gegenzug wurden Steine und Flaschen geworfen. Nach 6 Stunden „Gefecht“ zog die Polizei dann plötzlich ab. 27 Anlagen waren beschlagnahmt, doppelt soviele Leute verhaftet worden, aber dennoch konnten bis Sonntag 8'000 Leute feiern!

Diese seltsamen Vorgänge fanden in der französischen Presse wenig, in der internationalen praktisch keine Erwähnung.

Brachiales Vorgehen gegen unerwünschte Musikkultur steht jedoch unter keinem französischen Monopol.Am 27. Juli fuhren in den frühen Morgenstunden fünf Lastwagen unter Polizeischutz vor den besetzten Häusern in der Elsässerstrasse in Basel vor und füllten kurzerhand den ganzen Kulturkeller mit Kies. Der Polizeisprecher stellte laut Basler Zeitung „befriedigt“ fest, dass hier keine Feste mehr gefeiert würden. Nachdem die Besetzer ankündigten, man werde sich nicht kleinkriegen lassen und den Kies entfernen, kamen die Ordungshüter zurück, vandalisierten die Treppen und gossen Zement nach. Als ein paar Wochen später in Los Angeles eine private und völlig legale Party von der Polizei illegalerweise beendet wurde, wurde vom LAPD die Begründung nachgeschoben, wenn die Party nicht illegal gewesen sei, dann doch die Musik.

Strassenparaden: Das kommandierte Vergnügen; das Projekt seiner Abschaffung

Wie ein Zerr- oder Spottbild nehmen sich unterdessen die Strassenparaden in Berlin, Zürich oder Genf aus, die mit dummen Slogans einmal jährlich den Tourismus ankurbeln und den Konformismus feiern sollen. Angestrengt hat man „Fun“in einem abgesteckten Rahmen, der so eng und leer zugleich ist, dass man sich unwillkürlich des Diktums von Spiral Tribe erinnern sollte, dass Freiheit in diesem Sinne nur in der Illegalität zu finden sei. Nur mit grösster Anstrengung ist in diesen Massenaufläufen noch das utopische Potential sicht-, fühl- oder hörbar.

Doch war dieses Moment frei fliessender Strömungen tatsächlich ein Feld proletarischer Autonomie (als das sie manche der englischen Ultralinken interpretierten) oder einfach eine anarchische Lumpenkulturindustrie, die ihre eigenen Starsysteme und Konformismen erfand? Beides war wohl zu verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Graden der Fall, auch da es kaum möglich ist, wenn man „Kultur“ produziert, der Verwertung ganz zu entfliehen; und deshalb von manchen ein Kulturkampf entfacht wurde, um eine gewisse Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen, die das Ende spektakulären Warengesellschaft einläuten sollte – eine Anstrengung, die natürlich unter den gegebenen Umständen scheitern musste, aber dennoch die Möglichkeit des Kommunismus aufflackern liess.

Christoph Fringeli 

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