Jasmila Žbanić (Sarajevo/BiH)

Jasmila Žbanić, geb. 1974 in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina. Absolventin der Akademie für Darstellende Kunst in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina (Abteilung für Film- und Theaterregie). Žbanić hat mehr als 10 Dokumentarfilme und einen Spielfilm gedreht (Grbavica- der bei der 56. Berlinale mit dem Goldenen Bär ausgezeichnet wurde).

Zur Zeit arbeitet sie als Regisseurin und Produzentin für die „Deblokada“ Filmproduktion.

„Red Rubber Boots“, 2000, 18 min; „Images from the Corner“, 2003, 39 min; „Birthday“ (part of “Lost and Found”, 99 min), 2005

>> Mo. 25.09.2006 – 20.00 Uhr @ Forum Stadtpark

>> Beitrag in MALMOE 34:

Physiognomie der Stadt im Krieg

Nebojsa Jovanovic im Interview mit Jasmila Zbanic

NJ: Wenn du an die Belagerung Sarajevos zurückdenkst, welche Besonderheit der „Kriegsarchitektur“ bzw., der Physiognomie der Stadt im Krieg fällt dir als Erstes ein?

JZ: Löcher. Löcher im Asphalt von den Granaten, Löcher in den Scheiben von den Kugeln, Löcher in zerstörten Wänden, Löcher in den Socken …

NJ: Im letzten Winter fand ich in einer Bibliothek in Budapest eine Monographie mit Bildern aus Sarajevo, die im Krieg entstanden sind. Dort sah ich zum ersten Mal ein Foto deiner Bekannten Biljana, jenes Foto über welches dein Dokumentarfilm „Images from the Corner“ spricht. Damals erinnerte ich mich auch selber an ein Loch, an ein unwirkliches Loch aus der Phantasie: Das Kleid, welches Biljana auf dem Foto trägt, ist weiß und aus Spitze, genauso ein Kleid, wie es in unseren Vorstellungen Alice aus dem Wunderland trägt. Biljana hat auf dem Foto ausgesehen wie Alice, als sie durch den Sturz durch das Hasenloch im Universum des Horrors und Blutes ankam. Neben ihr lag auch eine Hundeleiche, zerfetzt von Granatsplittern. Ich kam nicht drumherum, mich an noch eine Reisende aus einem anderen Märchen zu erinnern, an Dorothy und ihren Hund Toto, die der Wirbelsturm ins geheimnisvolle Land Oz geweht hat. Das Foto stellte also ein Kindermärchen dar, welches im Raum eines grausamen, gewaltsamen Todes geendet hat.

JZ: Das Interessante für mich aus deinen Erinnerungen ist die Tatsache, dass wir beide, du und ich, die wir den Krieg in Sarajevo verbrachten, dieses Foto erst gesehen haben, als wir aus der Stadt herauskamen, außerhalb Sarajevos. Wir als BewohnerInnen eines Raumes/ einer Zeit erfahren manche Sachen erst außerhalb dieses Raumes sehr weit weg von diesem. Das Foto der verwundeten Biljana sah ich das erste Mal in Amerika bei der World Press Photo Ausstellung im Jahr 1995. Biljana und die Umstände, unter denen sie verwundet und fotografiert wurde, kannte ich schon vorher, aber auch ich war vom Foto geschockt und natürlich auch von der Tatsache, dass ich im weiten Amerika „jemanden, den ich kenne“ sah. Mich hat ihr Kleid immer schon an ein Brautkleid erinnert, mit der Assoziation des Hochzeitsaktes, das Motiv der „blutigen Hochzeit“: Die Braut blutet diesmal, weil in ihre Eingeweide anstatt Sperma Granatsplitter eindrangen. Der Tod auf dem Foto ist definitiv männlich…

NJ: Sarajevo hat sich unter der Belagerung trotzdem, Dank einzelner Personen wie dir, nicht nur in einen Ort des Todes, einen Ort des Verbrechens verwandelt, sondern auch in einen Ort des Schaffens, des Widerstandes, des Lebens.

JZ: Im Raum /in der Zeit Sarajevos unter Belagerung (ich kann als Filmregisseurin Raum und Zeit nicht voneinander trennen) besteht eine große Annäherung der endgültigen Form des Lebens und des Todes. Ich möchte hier jetzt keine These erschaffen, die schon längst bekannt ist, nämlich die, dass Leben und Tod nicht trennbar sind – vom Moment unserer Befruchtung im Mutterleib an, beginnen wir nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben. Wir haben in Sarajevo während der Belagerung in einem Sonderzustand gelebt, in einem Zustand, in welchem es in jedem Moment durch Kriegshandlungen zum „Kurzschluß“, zur gewaltsamen Unterbrechung des Lebens, zum plötzlichen Verfall in den Tod kommen konnte. Natürlich trennt uns auch im „gewöhnlichen“, friedlichen Leben nichts definitiv vom Tod, diese Barriere ist sehr dünn, so dass in diesem Sinn jeder Raum ein Raum zum Leben und Sterben ist. Wir dürfen hier aber nicht vergessen, dass einige Personen die Machtposition besitzen, Einfluß auf jenes zu nehmen, was eigentlich Gott oder dem Schicksal überlassen ist, nennen wir es wie wir wollen … Also, diese Personen haben die Macht, die konkrete Macht, die politische Macht, Entscheidungen zu fällen, wer sterben soll und wer nicht. So war auch in Sarajevo in der ersten Hälfte der 90er Jahre das Sterben, der Verfall in den Tod Folge von organisiertem Verbrechen, das ein Teil des konkreten geopolitischen Programms, des serbischen Plans für die territoriale Expansion auf den Westen, also ein Plan von einem „Großserbien“, war. Um diesen nicht existenten, in Gedanken geschaffenen Raum umzusetzen, mussten eine Million NichtserbInnen getötet, vertrieben, vergewaltigt, soll heißen biologisch und /oder symbolisch vernichtet werden.

NJ: Was ist mit Strategien oder der Praxis des Widerstandes? Deine Produktionsfirma heißt „Deblokada“, das erinnert daran, wie dieses Wort während der Belagerung verwendet wurde …

JZ: Ja, „Deblokada“ ist ein Wort, das wir sehr oft im Krieg verwendeten. Nachdem die Stadt belagert wurde, waren die Zeitungen voll mit Artikeln, die über die Verteidigung Sarajevos und die Versuche der millitärischen Deblockade berichtet haben. Ich erinnere mich an einen Zeitungsartikel mit dem Titel „Noch 300 Meter bis zur Deblockade“. Dieser Titel wurde schon im Jahr 1992 veröffentlicht, das hieß, dass die größten Schrecken erst vor uns lagen, aber wir haben schon ganz naiv und ohne jegliche wahre Begründung diesen Begriff benutzt und haben an diesen Begriff all unsere Hoffnungen gebunden. Deblockade fasste für uns all jenes zusammen, was in unseren Köpfen für das Gegenteil von Krieg und Belagerung stand - Freiheit, Frieden, sich frei bewegen können, Sicherheit ... Als am Ende des Krieges die Belagerung endete und die Stadt wieder frei war, verschwand der Begriff „Deblockade“ aus dem Gebrauch. Für die Meisten, die unter der Belagerung gelebt haben, blieb die „Deblockade“ ein Teil des Kriegsvokabulars, der hoffentlich nie mehr benutzt wird. Die „Deblockade“ ist ja nicht nur ausschließlich an den Krieg gebunden. Wir benutzen diesen Begriff auch in einem ganz charakteristischen Kontext, nämlich dann, wenn unsere Gedanken stehen bleiben, wenn es uns an Imagination fehlt oder wir nicht wissen, was wir denken oder sagen sollen, dann sagen wir meistens, dass wir eine Blockade haben… Diese Art der intellektuellen Verschlossenheit, Trägheit und Rigidität ist etwas, was meiner Meinung nach nach dem Krieg in den Köpfen der Mehrheit geblieben ist… Es wirken auch weiterhin verschiedene Blockaden, die man niederreißen, beseitigen muss: nationale, politische Blockaden, Blockaden in der Ausbildung, der Wirtschaft und Ähnliches. Jene 300 Meter fehlen uns immer noch.

NJ: Sollen wir auch die Stadt als einen Schauplatz eines neuen oder mehrerer neuer Konflikte – politischer, kultureller Konflikt, Klassenkonflikt, Genderkonflikt usw. – konzipieren, um neue Möglichkeiten des Widerstandes, der Deblockade, Subversion kennenzulernen?

JZ: Die Stadt ist an und für sich schon ein Konflikt, das war sie schon immer in jeder Epoche. Deren Dynamik ist durch zahlreiche Gegensätze bestimmt. Heute, wenn wir über Sarajevo und die anderen bosnisch-herzegowinischen Städte sprechen, wirken und sind sichtbar vor allem jene Gegensätze und Konflikte, die für den wilden, eigenwilligen Kapitalismus - der die postsozialistischen Länder erobert, so auch Bosnien und Herzegowina - charakteristisch sind. Natürlich darf man auch nicht all zu große Illusionen vom westlichen Kapitalismus haben, dort haben sich nichtsdestotrotz bestimmte Mechanismen zum Schutz gegen die vollständige Dominanz des Marktes und Kapitals entwickelt. Diese Schutzmechanismen gibt es bei uns in keiner Form. Der Kapitalismus, der zu uns in den 90ern kam, ist wild im Sinne, dass dieser überall unkontrolliert ist. Der Staat hat noch gar keine Mechanismen entwickelt, mit Hilfe derer der Staat wenigstens zu einem gewissen Grad seine Brutalität bezwingen könnte. Wenn wir schon über die Stadt, über den Raum sprechen, so sind zur Illustrierung des nicht aufzuhaltenden Kapitalismus die zahlreichen Jumbo billboards zu nennen, die an jedem denkbaren und nicht denkbaren Ort sprießen, ohne Rücksicht auf die Architektur oder das Landschaftsbild. Ähnlich wirken auch die Parkplätze und neue Verkehrsverbindungen für all jene nicht gezählten Fahrzeuge, die drohen uns zu fressen, zu „ersticken“, zu überfahren – ähnlich wie Krebszellen, welche die Struktur der Stadt vernichten… Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Schlüsselfrage die Frage ist, inwieweit die BürgerInnen, den Raum in dem sie leben, kreieren möchten. Ich bin nicht sicher, ob die BürgerInnen von Sarajevo eine Vision vom Raum, in dem sie leben möchten, haben. Genausowenig wie ich mir sicher bin, ob sie eine solche Vision haben, wenn es um die Frage der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, in denen sie leben, geht.

NJ: Haben sie überhaupt eine Wahl? Der Kapitalismus, da sind sich alle einig, ist „als einziger in der Stadt „im Spiel“ geblieben, es stellt sich die Frage, was wäre die alternative Option?

JZ: Du hast Recht, aber die Optionen, die sich uns bei den Wahlen darbieten – den politischen Wahlen für verschiedene Machtniveaus – sind doch nicht alle identisch, nicht einmal wenn es sich um den Kapitalismus handelt. Die WählerInnen zeigen nicht einmal bei diesen Wahlen den Willen, Lösungen zu wählen, die besser wären, natürlich nur meiner Meinung nach. Die Mehrheit insistiert auch weiterhin auf der nationalen Vision… Also es könnte jetzt, was auch immer für eine Alternative zum Kapitalismus auftauchen, die Wähler- Innen würden trotzdem den Nationalismus wählen, der wie wir sehen gar keine Alternative darstellt… Um noch einmal auf ein persönliches Beispiel und Raum zurückzukommen: meine Obsession war der Park in Marindvor, der sich vor meinem Wohnhaus befindet. Ich lebe schon seit zwanzig Jahren im selben Gebäude. Als Kind spielte ich in diesem Park, in dem in den letzten Jahren meine Tochter spielte. In den 80ern, als ich klein war und im Sozialismus lebte, war der Park für Fahrzeuge gesperrt und wir Kinder waren die „EigentümerInnen“ des gesamten Raums, in dem wir die Weite und Freiheit spürten. In den 90ern, im Krieg, war der Park das Ziel von Scharfschützen, so dass es gefährlich war sich dort aufzuhalten, der Park war leer. Heute ist der Park wieder voll mit Kindern, erinnert aber viel mehr an einen widerlichen Parkplatz für Fahrzeuge, wo den Kindern bei jedem Schritt die Gefahr droht, überfahren zu werden. Das was interessant ist, ist die Tatsache, dass sich kein einziger Elternteil oder BürgerIn gegen diesen Zustand aufregt, obwohl alle untereinander murren „Was haben sie uns angetan“ und „Wie es doch früher viel besser war“. Die BürgerInnen schweigen und weichen gehorsam den Fahrzeugen aus. Ich möchte mich nicht mit der Tatsache zufrieden geben, dass der Raum, in dem mein Kind spielt, der Raum von Machtlosigkeit darstellt. Deshalb bin ich im Konflikt mit dem neu entstandenen Raum, der das Bild der neuen Zeit darstellt. Der Kampf um den Raum ist der Kampf für ein anderes System, eine andere Beziehung zu den Menschen und zu sich selber.

NJ: Wie manifestiert sich dieser Kampf in deinen Arbeiten, führen ihn auch deine Charaktere? Wie ist die Beziehung diesbezüglich zwischen deinen Videoarbeiten, den Dokumentarfilmen und der letztendlichen „Fiktion“? Versuchst du vielleicht in deinen Arbeiten „Strategien“ anzubieten, darzustellen, die du in der Realität nicht vorfindest?

JZ: Meine Charaktere haben ihr Leben und ihre Gedanken, so dass sie nicht als SprecherInnen meiner Standpunkte und Ideen fungieren. Ich würde sie nie – auf jeden Fall nicht bewußt – für die Darstellung von „Strategien“ benutzen. Zweifellos wähle ich sie, weil sie doch auf eine Art und Weise mit meiner inneren Welt korrespondieren, sie spiegeln diese oder meine innere Welt spiegelt deren Welt wider und vielleicht liegt ja gerade hier die größte Herausforderung, versuchen festzustellen was das Original ist und was ein Widerschein, eine Kopie ist. Mich ziehen Charaktere an, die auch kämpfen, wenn der Kampf sinnlos ist: Jasna P. in „Red Rubber Boots“ sucht ihre Kinder auf den Massengräbern und gibt auch nach zehn Jahren Suche nicht auf, obwohl sie weiß, dass das Einzige was sie finden kann Gummistiefel sind, ein Stück Kleidung oder eventuell Knochen, die von den Kindern übrig geblieben sind. Esma in „Grbavica“ kämpft darum, Mutter zu sein unter Bedingungen eines vollständigen Traumas, welches den Geburtsakt in eine Verlängerung des Traumas transformiert. Sie ist also in einer paradoxen Situation – obwohl ihr Trauma gerade darin liegt, was aus ihr eine Mutter macht - im Akt der gewaltsamen Zeugung und Geburt - obwohl sie hier ja nicht das Recht der Wahl hatte - sondern sie wurde vergewaltigt und gezwungen zu gebären -, akzeptiert sie trotzdem die Rolle der Mutter und spielt diese bis zum Schluß… Das ist nicht etwas, was ich je irgendeiner Frau, die solch eine traumatische Erfahrung erlebt hat, empfehlen würde, aber dies ist die Geschichte, die in meinem Film spielt.

Übersetzung aus dem Bosnischen: Emira Langusch  

Nebojsa Jovanovic, geb.1973 in Zemun, Bosnien und Herzegowina. Freischaffender Autor und Übersetzer. Lebt und arbeitet in Sarajevo.