Marina Gržinić (Wien/ Ljubljana)

Marina Gržinić geb.1958 in Rijeka, Kroatien. Sie ist Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien und forscht am Institut für Philosophie (ZRC-SAZU) in Ljubljana. Gržinić arbeitet als Kuratorin, Kritikerin und Autorin und ist seit 1982 im Bereich Videokunst tätig. Sie lebt und arbeitet in Wien und Ljubljana.

 

>> Lectures/ Presentations/ Panel

Sonntag, 24.9., 12 - 19 Uhr

Moderation: Marina Gržinić

 

>> Beitrag in MALMOE 34:

Snobistische Leere als letzte ästhetische Form des globalen Kapitalismus

DIE ORGANISATION VON AUSSTELLUNGEN, internationalen Festivals und ähnlichem wird heute zunehmend zu einer geschäftlichen Angelegenheit. Das dabei verwendete Vokabular, diese Sprache, die einst Teil rebellischer Theorie und Kreativität, Teil von Grassroots-Bewegungen und gegenkulturellen Käften gewesen ist, wird heute als Marke wiederverwertet und angeeignet. Sie wird von hippen Kunstmarktprojekten benutzt, um ihre Verbindungen zu dubiosen politischen Netzwerken und dem Kapital selbst zu verdecken. Alles wird überall präsentiert, was zählt ist der Hype, das trendige Mischen, die Kopulation von Kunstwerken und Showbusiness. Was dabei verschwindet ist der Unterschied zwischen Orten, Praxen und politischen Positionen. Die Sprache gegenkultureller politischer Haltungen wird von offiziellen Institutionen, Massenmedien und Politikern zur Gänze ausgeschlachtet. Der Karneval, Interventionen und pop-kulturelle Modelle des Dissenz, usw. werden von Politikern der Rechten eingesetzt, um sich vergnüglich naiv zu geben, wenn sie auf harte Kritik antworten sollten. So engagierte Präsident Bush im Februar 2006 einen Imitator, sein Double, um mit ihm seine öffentlichen Fehltritte wiederaufzuführen, um damit zu unterhalten und möglichst viel Geld für die Republikaner zu lukrieren.

DAS VOKABULAR, DAS EINST TEIL GEGENKULTURELLER KRÄFTE WAR, wie beispielsweise Open Source, Networking, Austausch, Menschenrechte, usw. wird JETZT von jenen implementiert, die gegen diese Positionen ankämpfen, um dadurch die ursprünglichen politischen Forderungen zu verwässern. Aufgrund solcher performativer Politiken der Ausschlachtung und Aneignung erfahren wir eine komplette Sinnentleerung ehemals radikalisierter Positionen und politischer Kunstpraxen.

DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM RAUM beinhaltet nicht bloß die Unterscheidung bezüglich der materiellen Dimension verschiedener Räume, sondern muss auch der Frage Rechung tragen wie Räume diskursiv durch Sprache konstituiert, kapitalisiert und angeeignet werden. Über die Teilungen der Welt als Unterschied zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt zu sprechen, ist in Zeiten des globalen Kapitalismus ein überflüssiges Unterfangen, denn es scheint, dass jede Grenze überschritten ist und dass mit dieser vermeintlichen Sichtbarkeit und Zugänglichkeit aller und jeder der Welten ein glückliches Gleichgewicht erreicht worden wäre. Dieser Prozess des globalen kapitalistischen Einschlusses bewirkt einen noch effektiveren Ausschluss. Kunst und Kultur funktionieren in diesem Kontext als dekorative Elemente für das Branding und Styling luxuriöser Lebensstile. Grosse institutionalisierte Kuratoren geben sich in solch einem Kontext naiv und kindisch, agieren zur selben Zeit jedoch als Diktatoren. Junge Kuratoren wählen gezielt die großen Namen aus, um Teil des allgemeinen Hype zu werden, sich an diese Marken anzuhängen und um selbst zu Marken zu werden.

DIE PRIVATISIERUNG VON KUNST UND KULTUR ist Teil dieser permanenten Prozesse der Entleerung und Abstraktion. Diese Privatisierung ist in der Gegenwart machtvoll aufgetaucht, aber eigentlich wiederaufgetaucht, da dies historisch lange bloß nicht sichtbar war. Kunstwerke, Projekte, Ideen und Praktiken werden von privaten Museen und transnationalen Konzernen gesammelt. Öffentliche Institutionen geben nur mehr den Gastgeber dieser von privatem Kapital finanzierten Kunst ab. In der Vergangenheit wurde das als Mittel zur Regulierung von Steuergeldern und als Befriedigung privater Kapitalinteressen gesehen, heute ist das ein Zeichen der um sich greifenden Privatisierung von Kunst und Kultur. In diesem Prozess werden die Mechanismen der Kapitalakkumulation selbst in den Kunst- und Kulturbetrieb getragen. Es sieht so aus, dass wir nicht mehr arbeiten, sondern wir erschaffen etwas. Das ist der Prozess der Subjektivierung durch die Produktion im postfordistischen Kapitalismus. Dieser Prozess überwindet den Dualismus und konzentriert sich auf die Ausformung von Subjektivitäten, aber nicht durch die Arbeit, vielmehr wird der Schöpfungsakt als Aktivität eingesetzt, die Arbeit neu definiert und die abstrakte Ausbeutung wird verborgen. Aus diesem Grund ist die Analyse der immateriellen Arbeit von zentraler Bedeutung um die Subjektivierungsprozesse der Gegenwart erklären zu können. Um diese Prozesse verstehen zu können ist es notwendig den Schöpfungsakt und die Macht des Widerstands wieder miteinander in Beziehung zu setzen, um beide aus dem Zugriff seines Zuhälters, also des kapitalistischen Systems, zu befreien. Paolo Virno hat darauf hingewiesen, dass die Grenzen zwischen intellektueller Aktivität, politischer Aktion und Arbeit heutzutage verschwommen sind. Der postfordistische Typ (prekärer) Arbeit hat vieles davon, was als politische Aktion verstanden wurde, absorbiert. Diese Verschmelzung von Politik und Arbeit repräsentiert eine neue Physiognomie der modernen Welt. Statt radikaler Politik ist eine abstrakte Formalisierung von Arbeitsprozessen und künstlerischer Aktivitäten das, was Arbeit ist. Aufgrund dieser Prozesse der Performativität, die einzig und allein die Beschreibung der Logik des Sprechakts zum Inhalt haben, kann nun festgehalten werden, dass das Politische um jeden Inhalt entleert wird und zu einer abstrakten Formalisierung von Kunst und kulturellen Aktivitäten führt. Ähnlich ist es möglich die Genealogie des Menschen in der Ersten Kapitalistischen Welt zu entwickeln. In seinem Buch „The Open. Man and Animal“ (1) (2002) schreibt Giorgio Agamben über eine solche zunehmend abstrahierte Formalisierung in der Genealogie des Menschen. Er stellt die Entwicklung des Menschen dergestalt dar, dass es in Richtung einer reinen Form der snobistischen Geste ohne Inhalt gehen würde. Durch den Gebrauch „paradigmatischer Formen des Menschen“ erstellt Agamben eine Genealogie als Anordnung von Figuren, die mit der Gestalt des Tieres beginnt, sich in der Form des Acephalos, des Kopflosen, fortsetzt, und im Gedankenlosen, dem Snob, mündet. Das sind nicht nur metaphorische sondern politische Figuren der menschlichen Genealogie innerhalb der Kapitalistischen Ersten Welt. Diese Genealogie wird durch eine kapitalistische anthropologische Maschine vollzogen, die sich eindeutig in die Richtung einer zunehmenden Entleerung, Abstraktion und Formalisierung des Menschlichen an sich bewegt. Was hier vonstatten geht ist der Übergang von einer Politik der Erinnerung zur Erinnerung dessen, was als politischer Akt gegolten hat.

WIE ERSCHEINEN DIESE BEZIEHUNGEN AUF DER EBENE VON KUNST UND KULTUR im Hinblick auf eine Welt, die nicht Eine ist? Es gibt dazu ein beinahe axiomatisches Kunstwerk, ein Satz der vom Zagreber Künstler Mladen Stilinovi_ in Umlauf gebracht wurde. Stilinovi_ brachte 1997 den Multikulturalismus als ideologische Matrix des globalen Kapitalismus folgendermassen auf den Punkt: „Ein Künstler, der nicht Englisch spricht, ist kein Künstler“. Dieser Satz, ein Kunstwerk der 1990er Jahre, synthetisiert die „soziale Empfindsamkeit“ des Kapitals für alle multikulturellen Identitäten, die sich in den Neunzigern der globalen kapitalistischen Welt preiszugeben hatten und zu dieser Welt zu sprechen begannen – nämlich auf Englisch, egal wie gebrochen dieses auch war. Heute jedoch verlangt diese performative Logik, die in perfekter Harmonie zur Abstraktion und Entleerung des globalen Kapitalismus und seiner snobistischen Haltung steht eine Korrektur dieses Satzes: „Ein Künstler, der nicht GUT Englisch spricht, ist kein Künstler“.

G E G E NWÄ R T I G F U N K T I O N I E R E N KUNSTINSTITUTIONEN UND KUNSTPROJEKTE, die in der kapitalistischen Ersten Welt produziert werden, auf Basis einer unerträglichen Abstraktion. Der Kapitalismus ist ein Kannibale, um in der Lage zu sein alles und jeden zu verschlingen, wenn es von Nöten ist verwandelt er sich sogar in schöpferisches und soziales Kapital. Die Matrix auf der er beruht ist nicht eine utilaristische, sondern eine kannibalisitische. Der Kunstmarkt übt heute mehr als jemals zuvor Einfluss darauf aus, was Sichtbarkeit erlangt und in die hermeneutischen Zirkel einbezogen wird.

DER ZWEITE ZENTRALE PUNKT SIND DIE EIGENTUMSVERHÄLTNISSE. Ausstellungen und Projekte gehören jemandem, sie haben spezifische Eigentümer, in ökonomischer und symbolischer Hinsicht. Hierin gibt es nur einige wenige Auserwählte, alle anderen sind von dieser Geschichte ausgeschlossen. Es regiert das Privateigentum! Für den globalen Kapitalismus der Gegenwart ist die Quelle der schöpferischen Kraft, die unerschöpfliche künstlerische Kreativität, ein jungfräuliche Ressource, eine noch nicht erschlossene Ader von Werten, die es auszubeuten gilt. Die Kreativität ist es, die sich sowohl die Kunst, die Kritik und die kapitalistischen Kunstinstitutionen so gerne teilen, doch ist das eine Kreativität ohne Widerstand. Es braucht kein Ghetto der Kunst, vielmehr muss die Kunst durch die Politik und die Politik durch die Kunst kontaminiert werden! In seinem Versuch eine visionäre politische Ökonomie zu formulieren, erkundet Jonathan L. Beller ebenfalls den Prozess der Abstraktion und Entleerung. Er verbindet die wachsende Abstraktion des „Mediums“ Geld im Kapitalismus mit Abstraktionsvorgängen im Feld zeitgenössischer Kunst, Kultur und Theorie. Mit Bezugnahme auf Beller würde ich sagen, dass wir uns heute gar nicht so sehr mit der Abstraktion unserer Sinne konfrontiert sehen (das war ein typisches Phänomen der Moderne), sondern mit der absoluten Versinnlichung der Abstraktion, das heißt mit der absoluten Versinnlichung der gegenwärtigen neoliberalen Leere im globalen Kapitalismus. Das ist eine neue Wendung in der Genealogie der kapitalistischen Abstraktion, Entleerung und Entfremdung, die nicht auf die alte Art und Weise behandelt werden kann, und nicht in dem Sinne, was Adorno als Entfremdung unserer Sinne beschrieben hat.

DER GEGENWÄRTIGE ZUSTAND IST DAS GEGENTEIL DAVON. Dieser ist von der totalen Versinnlichung der kapitalistischen Prozesse der Leere gekennzeichnet und durch das Aufdecken total formalisierter Werte, die vollends jedweden Inhalts im „historischen“ Sinne entleert werden. Das lässt sich an der plötzlichen Popularität des Satzes aus Herman Melville´s Bartleby zeigen: „I would prefer not to do it.“ Dieser Satz, der in Melville´s Kurzgeschichte „Bartleby the Scrivener: A Story of Wall Street“ (1853) als eine Geste der Verweigerung auftaucht, ist heute paradigmatisch geworden und innerhalb der Philosophie wird der Satz als jene Geste behandelt die den einzig möglichen Rückzugs aus dem kontaminierten globalen Kapitalismus beinhaltet. Nicht einfach NEIN zu sagen, sondern es im Stile Bartlebys vorzuziehen, nicht nein zu sagen, ist nicht so sehr die Verweigerung jedweden spezifischen Inhalts als es bloß eine formale Geste der Verweigerung darstellt.

DOCH IN WELCHEN RÄUMEN UND AUS WELCHEN GRÜNDEN KÖNNEN WIR DIE VERWEIGERUNG BLOSS ALS FORMALE GESTE SPIELEN? Zwei Kunstfilme, die keine gewöhnlichen Hollywood- Blockbuster sind, vermögen die Versinnlichung der Abstraktion gut zu illustrieren. Der eine Film ist „Lost in Translation“ (2003) von Sofia Coppola und der andere „Broken Flowers“ (2005) von Jim Jarmusch. In beiden Filmen erreicht das Bild der weißen, kapitalistischen Leere, der Hohlheit und des Desinteresse an jeder Art von politischen Engagement, Politik oder Aktion, seinen Höhepunkt. Die weiße Art (in beiden Filmen von Bill Murray dargestellt) ist einzig und allein damit beschäftigt die eigene Hohlheit auf das Niveau einer sinnlichen Freude zu erhöhen, wozu die Zweite und Dritte Welt nicht „fähig“ wäre dies zu erreichen. In diesem Vorgang können wir wiederum Agambens Genealogie des Menschen vom Tier zum Snob beobachten. In Anlehnung an Nato Thompson kann ich nur bestätigen, dass Entfremdung zu einer Triebkraft der zeitgenössischen Kulturindustrie geworden ist. Kapital und Identität, Entfremdung und neoliberale Demokratie gehen Hand in Hand. Diese Umkehrung von der Entfremdung zur Versinnlichung ist ein Symptom des neoliberalen demokratischen Prozesses in seiner historischen Gestalt und führt Entfremdung als Teil des Big Business innerhalb der Kulturindustrie vor. Agamben – und damit folgt er Heidegger - findet in der Langeweile, die Beziehung zwischen der Langeweile des Menschen und der Gefangenschaft des Tieres. In beiden Fällen werden Mensch oder Tier im Ungewissen belassen. Der Mensch ist bloß ein Tier, das gelernt hat gelangweilt zu sein. ABER WER HAT DIE ZEIT UM SICH ZU LANGWEILEN?

Marina Gržinić

Übersetzung: Leo Kühberger

Marina Gržinić wurde 1958 in Rijeka, Kroatien geboren. Sie ist Professorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien und forscht am Institut für Philosophie (ZRC-SAZU) in Ljubljana. Gr_ini_ arbeitet als Kuratorin, Kritikerin und Autorin und ist seit 1982 im Bereich Videokunst tätig. Sie lebt und arbeitet in Wien und Ljubljana. Mensch und das Tier, Frankfurt/Main 2003.