Šefik Šeki Tatlić (Sarajevo)

Šefik Šeki Tatlić, geb. 1976 in Bihać/Bosnia Herzegovina, lebt in Sarajevo.

Arbeitet als Theoretiker, freier Journalist und Akivist, zu Themen der politischen Philosophie, Freiheit von Information, neuer Medienkultur und Kunst, organisiert Theorie-Veranstaltungen und arbeitet für verschiedene Kunst- und Medienorganisationen. Ausgewählte Publikationen: "Logic of Flexible Power" (Zagreb) and "Chaos TM and Aesthetics of Active Passivity (Bukarest).

 

>> Lectures/ Presentations/ Panel

Sonntag, 24.9., 12 - 19 Uhr

Moderation: Marina Gržinić (Wien /Ljubljana)

„Metastasis of democracy and the matrix of fragmentation of the east“

Šefik Šeki Tatlić (Sarajevo)

 

>> Beitrag in MALMOE 34:

Einschluss als Paradigma des Apolitischen innerhalb der Kapital-Maschine

DIE EXPANSION DER EUROPÄISCHEN UNION um zehn weitere Mitgliedsstaaten unter dem Slogan „Einheit in Vielfalt“ liegt bereits einige Zeit zurück. Angesichts dieser Veränderungen wirft diese Situation nicht nur Fragen nach der Rolle des Nationalstaats in der Globalisierung und der Wiederauflage der Teilung in eine Erste und Dritte Welt auf, sondern sollte auch Aufforderung sein, den Charakter dieses Apparats, der aus allen Staaten einfach Teile dieser neuen „grenzenlosen“, supranationalen Struktur macht, festzumachen.

Dieser Text analysiert das Konzept des Einschlusses als eine Praxis, die durch den Gebrauch der Kommunikation, die inmitten von „Gewissheiten“ und nicht Individualitäten stattfindet, und damit jedweden Versuch der Repolitisierung von Kultur blockiert und das Politische aus der Kultur richtiggehend aussaugt. Weiters geht es darum, wie der neoliberale Diskurs in Zeiten des Übergangs, eine demokratische Demagogie verwendet, um die Effekte des Kapitals zu relativieren und zu ästhetisieren, gerade das es sich selbst zu einem Teil eines Über-Systems des Kapitals macht, das Faschismus, Ausbeutung und eine rigorose klassenspezifische Unterdrückung toleriert.

Eines der wichtigsten Konzepte, das es den alten Kolonialstaaten erlaubte, ihren Höhepunkt in den langen Jahrhunderten von Ausbeutung und rassistischen Genozid zu erreichen, ist die Verteilung der Macht vom Einen (der Staat) auf die Vielen (lokale und koloniale Bevölkerungen, die unteren Klassen, usw.) Während dieses Konzept die Konzentration der Macht und die Überwachung von Subjekten und Rohstoffen organisierte, wurde nicht nur eine langandauernde Teilung der Welt (in Erste, Zweite und Dritte) hergestellt, sondern – und das ist am wichtigsten – statteten sich die kolonialen Mächte mit der Deutungshoheit über „zivilisatorischen“ und ökonomischen Fortschritt aus. Michel Foucault´s Analyse des Übergangs von der Disziplinargesellschaft (modern, kolonial) zur Kontrollgesellschaft (postmodern, global) arbeitet eine neue Form der Macht heraus, Biomacht, die keines massiven und repressiven Staatsapparats bedarf, um die Bevölkerung zu kontrollieren, seit die Bevölkerung die Kontrolle selbst besorgt.

IM KONTEXT VON POLITIK UND KULTUR betrachtet Terry Eagleton, indem er G.H. Hartman´s Unterscheidung zwischen Kultur und bestimmter Kultur umbildet, Kultur (1) als Möglichkeit die Vereinzelung in ein machtvolleres Medium zu verwandeln, als eine „universelle Subjektivität“, in der Kultur-als-Kunst universelle Werte in angemessene Formen bringt, die soziale, sexuelle und ethnische individuelle Erfahrung reduziert und es dem Subjekt erlaubt universell zu werden. Doch wurde der Begriff Kultur (2) seit den sozialen Bewegungen der 60er Jahre ganz gegenteilig verwendet, und partikuläre, nationale, sexuelle, ethnische und regionale Identitäten wurden gestärkt, anstatt sie zu überwinden. “In Bosnien oder Belfast ist Kultur nicht das, was man in den CD-Player schiebt; es ist das, wofür man tötet. Das heißt es ist nichts falscher als die Klage, dass Kultur nichts mit dem alltäglichen Leben zu tun hätte”, folgert Eagleton. In diesem Kontext also schafft eine Kultur (die westliche), indem sie den Grad der Assimilation anderer Kulturen misst, eine Plattform auf der - nicht nur die westliche, sondern auch andere - Kulturen existieren, indem sie sich selbst bemessen entsprechend des Grads der Integration in das globale Kapital. Eine partikulare Kultur realisiert sich folglich in einem nicht-partikularen Zusammenhang.

In den Staaten des ehemaligen Jugoslawien beispielweise wurden alle nationalen Parteien und auch deren - ihnen vormals gegenüberstehende - sozialdemokratische Gegner, von der lokalen Bevölkerung bloß daran gemessen, wie schnell sie die Assimilation in die Europäische Union (als ein Beispiel einer supranationalen kapitalistischen Machtstruktur) bewerkstelligen, während durch den Westen unterstützte Organisationen indem sie diese Assimilation beschleunigen, tolerant gegenüber der (jüngsten) faschistischen Vergangenheit vieler nationaler Führer waren, die heute für den Westen ebenso zulässige Werkzeuge zur Einführung demokratischer Verhältnisse für die freie Marktwirtschaft sind. Als Ergänzung wurden Schlagwörter wie „Versöhnung“ geschaffen, der Subtext davon ist „die Notwendigkeit in die Zukunft zu sehen“, namentlich einer Zukunft, die von denen gemacht wird, die „in Vielfalt vereint“ sind.

DAHER EXISTIERT POLITIK in den osteuropäischen, post-sozialistischen Staaten nur in jener Form, die Erfüllung eines ganzes Spektrum von Regulationen, Standards und Bedingungen zu messen, die von verschiedenen politischen und ökonomischen Institutionen des globalen Kapitals vorgegeben werden. (EU, IWF, UN, WTO, NATO, usw.). Daher unterscheiden sie sich nur bezüglich der Geschwindigkeit der Integration in die selben internationalen Institutionen, und sie sind nichts mehr als quantitative Unterschiede auf der Skala der Implementierung des Kapitals. In politischer Hinsicht besteht diese Art von Übergangsregime gewöhnlich aus ein paar populistischen Parteien, die gleichermaßen einem Prozess der demokratischen Umwandlung unterliegen, und einer Handvoll (so genannter linker) demokratischer neoliberaler Parteien, die unhinterfragt die Bedingungen des freien Marktes akzeptieren. Beide sind eigentlich nur das Subjekt einer multikulturellen, neoliberalen, hegemonialen, kapitalistischen Rhetorik. Dieses Zweiergespann existiert quer zu einer ökonomisch und moralisch verwüsteten gesellschaftlichen Fabrik, die nur zwischen langsameren (populistischer Fundamentalismus) oder schnelleren (neoliberale Demokratie) Wegen des totalen Einschlusses in das globale Kapital oder einiger kapitalistischer Allianzen wie der Europäischen Union entscheiden kann.

Eine Pufferzone, oder ein Ort der Umleitung, die über den Gebrauch einer PR-Maschine und der Marketing-Industrie funktioniert und gleichzeitig die Arbeitsplätze für die Mitglieder der neuformierten herrschenden Klasse hauptsächlich neoliberaler Provenienz (in diesem Sektor) sichert, produziert im Prinzip Ausreden für alle zukünftigen Fehler im Prozess der Implementierung der Demokratie. Diese Zone propagiert nicht nur eine Kultur des Konsums, sondern schafft auch eine Bühne für seine Reproduktion. Die Ästhetisierung des Sozialen (Hyperkapitalismus), im besonderen in post-sozialistischen Gesellschaften, bestätigt nicht nur Marxens Behauptung, dass der Staat bloß der Verwaltungsausschuss des Kapitals ist, sondern es leitet auch eine postmoderne Dynamik der Assimilation des sozialen Flusses in eine Maschine ein, die einschließt, sterilisiert und jede soziale Interaktion reproduziert. Eines der offensichtlichsten Ergebnisse der Operation dieser Maschine ist nicht bloß die Produktion einiger neuer Mechanismen subtiler Unterdrückung, Herrschaft oder Ideologie, sondern eigentlich die Produktion von gar nichts!

An dieser Stelle kommen wir einem der erfolgreichsten Konstrukte dieser Maschine näher, dem Konstrukt der Kommunikation. Um die Verbindung zwischen Einschluss und Maß zu verstehen, ist es notwendig daran zu erinnern, dass die territoriale Expansion eines der Grundgesetze des Kapitals ist. Die Definition von Technologie als menschliches Vermögen, eingeschlossener menschlicher Fähigkeit, oder kristallisierter Arbeit (in einem Marxschen Sinne), und vor allem als dauerhaft gemachte soziale Beziehungen, verpackt und zur Routine geworden, eine Form der „sozialen Kartierung“, liefert uns die passende Perspektive von wo aus die Verbindung zwischen Einschluss, Maß und Machtdelegierung analysiert werden kann.

SOBALD DAS KAPITAL SEINE URSPRÜNGLICHE AKKUMULATION innerhalb des Nationalstaats erreicht hat, musste es beginnen, sich permanent selbst zu reproduzieren, und in dem Prozess der Entdeckung neuer Formen der Produktion, der Distribution und des Austausches, veränderte es die Vorstellung vom Territorium. Die slowenische Medientheoretikerin und Philosophin Marina Grzinic hat beobachtet, dass Deterritorialisierung nicht der Prozess ist Territorien auszulöschen, sondern der Vorgang der Re-Territorialisierung – der beständigen Ausschlachtung alter und der dauernden Erfindung neuer Territorien. An dieser Stelle zitiert Grzinic David Harvey´s Theorie über die flexible Akkumulation des globalen Kapitals. Aber sie geht weiter und beschreibt das Internet als den klarsten Ausdruck dieses Prozesses, als eine Art Mechanismus zur Neuausrichtung von Wünschen, Fakten und Körpern in einer globalisierten Welt.

DER FALL VON ABU GHRAIB, einer Situation, in der die Koalitionsmächte systematisch physische und psychologische Folter auf irakische „Aufständische“ und verdächtige Bürger ausübten, ist ein ungeheuerliches Beispiel für die Neuausrichtung der Körper in den Grenzgebieten des Empire, wie der Dritten Welt. Obwohl Folter und Besetzung brutale Manifestationen einer Reterritorialisierung darstellen, handelt es sich hier um subtile Formen der Umwandlung dessen was im Empire (der Ersten Welt) selbst stattfindet. Die Neuausrichtung findet in der gleichen Weise statt wie sich Ausschluss zu Einschluss verkehrt, in anderen Worten benützt sie die Dynamik des Maßes.

Sogar nachdem die Folter von Abu Ghraib im Westen verurteilt wurde, bleiben die Umstände, unter denen sie stattfand, intakt. Die Medien, in ihrer re-präsentativen Berichterstattung dieses Falls, legten den Fokus nur auf einzelne Fragmente (Zusammenbruch der Befehlskette, fragwürdige Regeln des Einsatzes) und machten in der Berichterstattung daraus eine moralisch verzwickte Situation, die in der Folge nur bewies, dass die demokratischen Mechanismen des Westens - also die Bestrafung der Täter - funktioniert.

Dieser neoliberale Mechanismus, der anhand der Körper des Opfers sein eigenes Vermögen zur Lösung einer Krise misst, verbindet eigentlich seine eigene soziale Ästhetik (Demokratie) mit jener von anderen Kulturen und beweist, dass das System (Kapitalismus) das die Notwendigkeit schuf, um Truppen in den Irak (Ölprofite) zu schicken, nicht nur blutrünstig ist, sondern auch eine nette menschliche Seite hat, das den Einschluss umsetzt.

Die Reterritorialisierung von Körpern außerhalb des Empire ist kein Prozess, dessen primäres Ziel die territoriale Expansion wäre, sondern die Wiederbestätigung und Neudefinition neuer virtueller Territorien der Reterritorialisierung innerhalb des eigenen biopolitischen Körpers, innerhalb seines eigenen apolitischen Kontexts, innerhalb des Rahmens der Möglichkeiten für eine weitere Monopolisierung der Definition dessen, um es einfach auszudrücken, was gut und was schlecht ist. Die Reterritorialisierung führt hier Einschluss als das Paradigma ein, das den sozialen Fluss in eine komplett simulierte Welt entterritorialisiert, in ein Spektrum hybrider Entitäten, wo Wünsche, Erwartungen und Fakten nur in Form von bloßen sozialen Fragmenten der Macht-Verhandlungs-Maschine existieren.

UM NUN ZU EAGLETONS KONZEPTIONALISIERUNG VON KULTUR ZURÜCKZUKEHREN, so verwandelt diese Art eines verhandlungsbasierten Netzwerkes durch Vordringen in den öffentlichen Raum jene spezifische Kultur in eine allgemeine, die als Verhandler der Bedeutung einer homeomorphischen, soziotechnischen Matrix fungiert, deren Funktion sich nun selbst nicht als Art von universeller Subjektivität oder spezifischer Kultur ausgibt, sondern als grundlegende Funktion, welche die Produktion von Myriaden an Funktionen ist, die Funktionen der Kartierung, die das Universelle in eine Totalität von Singularitäten verwandelt. Diese elastischen Deformationen sind einerseits soziale „Events“, nennen wir sie eine Kollision von Singularitäten (Skandal, Übergangsgesellschaften, Osteuropa, Konflikte, Menschenrechte, etc.) in der sozialen Realität (in der Realität eines Konglomerates an Singularitäten) – und andererseits Neuinterpretationen dessen, was in einer künstlichen Realität angesiedelt ist, jedoch die eine in eine andere verwandelt. Elastische Deformationen sind natürlich Deleuze and Guattaris exzentrische Linien des Einschlusses.

Scott Lashs Behauptung, dass technologische Formen des Lebens “Leben auf Distanz” sind und Balibars Metarassismus als “Rassismus auf Distanz” funktioniert nicht nur als analytisches Ergebnis des technologischen und sozialen Felds, sondern demaskiert das charakteristische beider Felder als Charakteristika eines homöomorphen Systems des (Hyper-) Kapitals, das an einem bestimmten Ort dafür sorgt, dass Singularitäten Singularitäten bleiben, um die entpolitisierten Fragmente einer kannibalistischen Maschinerie so zu belassen, wie sie sind, nämlich apolitisch.

Šefik Šeki Tatlic

Übersetzung aus dem Englischem: Leo Kühberger