Ursula Mayer (London/ Wien)

Ursula Mayer, geb. 1970 in OÖ, Österreich. Lebt und arbeitet als Künstlerin in London. Arbeitet mit Film und Videoinstallationen.

 

>> laufende Ausstellung 23.09. - 15.10.2006

 

>> Lectures/ Presentations/ Panel

Sonntag, 24.9., 12 - 19 Uhr

Moderation: Marina Gržinić (Wien /Ljubljana)

17:45 -19:00 Panel

NO SPACE IS INNOCENT!

bankleer (Berlin), Michal Blum (Wien), Ursula Mayer (London/ Wien), Artists Without Walls (Israel/ Palestina)

KünstlerInnen der Ausstellung diskutieren ausgehend von ihren Arbeiten darüber, ob es noch Orte gibt, die von der Aura der Unschuld umgeben werden.

 

>> Beitrag in MALMOE 34:

Architekturen / Fiktionen / Re-Enactments

Lucia Farinati im Interview mit Ursula Mayer

Lucia Farinati: In deinen jüngsten Videoarbeiten, Portland Place und Keeling, die Teile einer Trilogie bilden, hast du sehr spezifische architektonische Kontexte verwendet: einmal das Innere eines viktorianischen Hauses und dann das eines modernistischen Gebäudes. Wie kam es zu deiner Faszination für diese „häusliche“ Architektur und wie können diese Arbeiten in Relation zu deinen vorangehenden Arbeiten gesehen werden, die sich hauptsächlich mit der Repräsentation weiblicher Subjekte im Kontext von Musik und Performance beschäftigen?

Ursula Mayer: In meiner Arbeit gibt es stets eine intensive Auseinandersetzung mit Raum, die von der Idee ausging, Raum zu besetzen bzw. für sich zu beanspruchen, z.B. auf einer Bühne oder auf dem Dach eines Gebäudes. In meinen früheren Arbeiten war dieser Ansatz stark mit Populärkultur und Musik verbunden. In meinen Filmen arbeite ich mit Performance, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich eher um nicht definierte, ungewöhnliche Räume, in denen Begehren erzeugt, verdeckt und in multipler Weise verhandelt wird. Die Verlagerung vom Körper zum Raum wird hervorgehoben durch Verweise auf Filme von Antonioni, Tarkowski oder Godard. Das Subjekt der Auseinandersetzung ist nicht bloß architektonischer Natur, sondern ein innerer psychologischer Raum. Ich analysiere, wie Filmemacher Raum als fiktionalen Charakter an sich interpretieren und wie diese Regisseure, speziell Antonioni, Schauspielerinnen in leeren Häusern und Räumen herumwandern lassen, wie erotische Nomaden. Ihre inneren Befindlichkeiten scheinen mit der Physikalität der Räume zu verschmelzen. Die Orte werden somit zu einem Spiegel, in dem die gefilmten Objekte das Fehlen einer vollständigen Handlung verbergen und den Raum für unterschiedliche Narrativitätsstränge offen lassen.

Das performative Element nimmt in deinen Arbeiten somit eine zentrale Stellung ein, arbeitest du deshalb auch mit Tänzerinnen?

Die Trilogie begann ursprünglich mit der Idee, einen Film zu einer Tanzchoreografie zu drehen, deren Szenen ich jedoch nicht verwendet habe, denn was zu sehen ist, ist lediglich das Ende der Performance, die mehr oder weniger schon vorüber ist. Das cinematografische Moment, das ich verwendet habe, versucht zu zeigen, wie der Körper im Stande ist, Zeit selbst zu entwickeln und nicht bloß eine Handlung. Die performative Präsenz materialisiert sich zu etwas, das unsere Erkenntnis übersteigt, das die Konturen der Orte verändert und das Andere als unerwartetes Existenzmoment imaginiert.

Die Bewegungen der Kamera umrahmen die Architektur fast wie einen Körper, und bekommen einen Charakter, eine Identität für sich.

Ja, ich filme und scanne Orte, um Geschichten von Räumen zu erzählen, in denen die Schauplätze als fiktionale Teile des Films gezeigt werden.

Es gibt also auch jene Dynamik des Schauens und Wartens wie in Antonionis Filmen?

Im Film gibt es immer diese Erwartungshaltung, dass etwas passiert, wobei am Ende nichts passiert.

Parallel zu dieser Trilogie arbeitest du an einem neuen Projekt, das sich erneut mit Innenarchitektur auseinandersetzt, dem 2 Willow Road Haus.

Das Haus wurde vom Architekten Erno Goldfinger entworfen. Er und seine Frau Ursula machten es zu einem Treffpunkt für viele KünstlerInnen, die in den 1930er Jahren in Hampstead wohnten. Der Ort ist ein perfektes Set, da er bereits von der Obsession mit Kunst und Architektur gekennzeichnet ist. Ich könnte nie ein Set wie dieses bauen, mit all den Objekten, Möbeln und Kunstwerken.

Es handelt sich also hier um eine Art Ready Made!

Ja, und das obwohl die Charaktere in meinem Film das Leben und Werk von Barbara Hepworth thematisieren, das an sich nichts mit dieser Sammlung zu tun hat. Zusätzlich zu den Kunstwerken, die in diesem Haus gezeigt werden, arbeite ich mit einem quasi reproduzierten Objekt von ihr, um das sich die Geschichte dreht.

Sie spielt sozusagen die weibliche Hauptrolle in 2 Willow Road?

Meine Handlungen sind stets offen und so auch deren Interpretationen. Der Film dreht sich um zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere. Durch den Altersunterschied stehen beide Frauen für unterschiedliche Vorstellungen von Zeit und Wirklichkeit. Die Handlungen im Haus folgen aufeinander, sind ritualistisch und überlappend, treffen aber nie unmittelbar aufeinander. Das Objekt halluziniert ein Treffen, das nie stattfinden wird, und füllt so den Raum mit poetischer Absenz. Die Architektur zeigt die Grenzen und Möglichkeiten, die auf Prozesse der Erinnerung rekurrieren.

Was du also vor hast ist eine Geschichte, die sowohl weitere Geschichten erzeugt als auch aufspürt und von einer Reihe von Kunstgegenständen und Protagonistinnen innerhalb derselben Räumlichkeiten erzählt, ähnlich einer russischen Puppe.

Eine Geschichte, die jene Zirkulation von Zeit aktiviert, die weder einen Anfang noch ein Ende benötigt.

2 Willow Road ist ein perfektes Beispiel für modernistische Architektur und Barbara Hepworths Arbeit schreibt sich auch in die Geschichte des Modernismus ein, lässt sich hier eine Art Nostalgie für diese künstlerische Epoche feststellen?

Ich will nicht die Vergangenheit idealisieren. Meine Arbeit untersucht die Folgen sowie die nicht realisierten Potenziale dieser Zeit. Indem ich Orte besuche und Situationen nachstelle, ermögliche ich eine unterschiedliche, alternative Lesart, ein Bewusstsein für die Ellipsen der Zeit. Als er sich mit der Geburt der Interieurs befasste, schrieb Walter Benjamin: „Leben bedeutet Spuren hinterlassen“. Und diese Spuren, könnten wir hinzufügen, sind allesamt mögliche Geschichten, Re-Enactments, fiktionale Architekturen der Zeit.

Übersetzung aus dem Englischen: Walter Seidl.

Lucia Farinati ist freie Kuratorin und lebt in London.